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bigagsl 07.04.2007 00:24

Die bigagsl Kolumne (KW14)
 
aloha @ all

ich gebe es gerne zu, ich bin nicht besonders religiös und Kirchenbesuche beschränken sich bei mir in der Regel auf den kunsthistorischen Aspekt. Nichts desto trotz fühle ich mich in der christlichen – im Sinne von westlichen – Welt verankert und da der Termin der Kolumne diesmal mit dem Karfreitag, einem der höchsten Feiertage der Christen, zusammenfällt, möchte ich ein wenig den Kontrast der ernsten und stillen Karwoche und der fröhlichen und bunten Osterfeiertage betrachten, denn eine Frage stellt sich mir jedes Jahr um diese Zeit: Was hat Jesus Christus mit dem Osterhasen zu tun?

Um die vorösterliche Karwoche, die vergangen Sonntag mit dem Palmsonntag begann und am morgigen Karsamstag endet, und das Osterfest besser zu verstehen, hilft eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse, die in diesen neun Tagen aus biblischer Sicht stattgefunden haben sollen. Die beschriebene Zeitspanne bis einschließlich Ostermontag steht dabei im Zeichen des Gedenkens an das Leiden, Sterben und die Auferstehung Christi und beinhaltet somit alles von "himmelhoch jauchzend" bis "zu Tode betrübt".

Der Start der Karwoche, der Palmsonntag, erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem, was auch tatsächlich etwas mit Palmen zu tun hat. Die jubelnde Menschenmenge streute nämlich vor Jesus bei seinem Ritt in die Stadt Palmenzweige aus, als Zeichen seines königlichen Status. Da in unseren Breitengraden jedoch nur selten Palmen wachsen, behilft man sich hierzulande der Palmenkätzchen, die alljährlich als eine der ersten Bäume beginnen zu blühen. Also nicht wundern, wenn der verehrte Leser letzte Woche vor manch einer Kirche blühendes „Grünzeugs“ fand.

Der Montag der Karwoche ("Kar" kommt übrigens vom althochdeutschen "kara" und bedeutet Klage, Kummer, Trauer) ist sicherlich der unspektakulärste Tag in diesem kurzen Zeitraum: Jesus predigte und diskutierte mit hohen Geistlichen in einem Tempel und erzählte seinen Jüngern auf dem Ölberg vom Ende der Welt.

Der Dienstag erscheint da schon unheilsschwangerer, da sich die Hohepriester der Stadt trafen, um über das Schicksal des Jesus von Nazareth zu entscheiden, denn sie sahen in ihm und seiner Art, Menschen für sich zu begeistern, eine Gefahr für ihre religiöse Macht.

Der Mittwoch ist auch aus heutiger Sicht noch immer der vorentscheidende Tag für das Schicksal Jesu, da der Jünger Judas den Hohepriestern das Angebot machte, gegen Geld seinen Herren zu verraten, welches die Geistlichen gerne annahmen.

Der Donnerstag der Karwoche hat wiederum einen eigenen Namen: Gründonnerstag. Jedoch hat der Name nichts mit der für den Frühling typischen Farbe zu tun, sondern mit dem althochdeutschen Verb "gronan" bzw. "grunen, greinen", was nichts anderes als „weinen“ bedeutet. Zum heulen war dieser Tag aus der Sicht der Gläubigen auch tatsächlich, denn nach dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern kam es durch den von Judas geplanten Verrat zur Gefangennahme Jesu durch die Tempelpolizei. Der Gründonnerstag ist der Start der österlichen drei Tagen, auch Triduum genannt, und führt zum heutigen Kolumnentag, dem Karfreitag.

Dieser Freitag ist der Tag des Prozesses und der Verurteilung des Sohnes Gottes vor dem geistlichen Gerichtshof in Jerusalem. Dabei wurde Jesus höchstpersönlich von dem Statthalter der Provinz Judäa, Pontius Pilatus, verhört, der sich für diesen politischen Rebell, der sich als König der Juden bezeichnete, sehr interessierte. Das dabei ausgesprochene Urteil ist hinlänglich bekannt: Die Kreuzigung, die noch am selben Tag durchgeführt wurde. Das Sterben Jesu steht dabei sinnbildlich für die Erlösung aller Christen von Schuld und Sünde. In unserer Zeit ist der Tag daher auch vom Fasten und der Enthaltsamkeit geprägt, verbunden mit strenger Buße und einem Gottesdienst.

Der Karsamstag ist nicht nur der letzte Tag des Triduum Sacrum, sondern fällt auch mit dem jüdischen Sabbat, dem Ruhetag, zusammen. Dies ist der Grund, daß Jesus Christus nicht nur am Freitag gekreuzigt, sondern auch am selben Tag umgehend in einer Grabhöhle beigesetzt wurde. Aus Angst vor dem Diebstahl der Leiche und der damit verbundenen möglichen Äußerung, daß der Sohn Gottes wiederauferstanden sei, wurde das Grabmal mit Steinen verschlossen und zusätzlich mit Wachen gesichert. Somit wird der Samstag als der Tag der Grabesruhe bezeichnet und ist definitiv noch von Trauer gekennzeichnet. Aus diesem Grund darf der Karsamstag auch nicht mit dem Ostersamstag verwechselt werden, der erst auf den nächsten Samstag fällt.

Der Ostersonntag ist mit der Wiederauferstehung Christi von großer Freude und Fröhlichkeit gekennzeichnet und wird daher zurecht als der höchste Feiertag für die Christen begriffen. Dieser Tag soll die Freude über den endgültigen Sieg des Sohnes Gottes über Tod und ewige Verdammnis ausdrücken.

Der Ostermontag ist eine Fortsetzung des vorangegangen Feiertages und steht im Zeichen der Wiederauferstehung Jesu Christi. Der Sohn Gottes zeigte sich an diesem Tag letztmalig seinen Jüngern und gab sich dabei zu erkennen, in dem er bei einem Mahl das Brot brach. Die Kunde der Auferstehung wird bei jedem Osterfest von neuem als Wunder verkündet

Bekanntlich ist der Tod und die Wiederauferstehung Jesu Christi der Innbegriff für den Sieg des Lebens über den Tod und symbolisiert somit für die gläubigen Christen die Hoffnung für ein Leben nach dem Tode. Genau an dieser Stelle kann man auch den schwierigen Brückenschlag zum Osterhasen machen, denn Leben bedeutet Fortpflanzung und welches Tier symbolisiert die Fruchtbarkeit? Richtig, der Hase, und auch das Ei ist ein Symbol der Lebensfülle!

Der werte Leser erkennt bei dieser Überleitung, daß die Leidensgeschichte Christi mit dem süßen Mümmelmann fast gar nichts zu tun hat. Dass zwischen der biblischen Geschichte und dem Auftauchen des Osterhasens in unserem Kulturkreis zusätzlich rund 1700 Jahre liegen, mag man bei der Kommerzialisierung dieses Festes heutzutage kaum noch für möglich halten. Doch wenn man den Geschichtsbüchern Glauben schenken darf, handelt es sich bei der Suche nach Ostereiern und Schokoladenhasen tatsächlich um eine Entwicklung, die während des Barrocks im Länderdreieck Elsaß, Oberrhein und Pfalz entstanden ist. Die Spielzeug- und Schokoladenindustrie nahm diese Entwicklung später mit Freude auf, da sich der Brauch durch bebilderte Osterbücher schnell verbreitete.

Ich persönlich schätze das von Hasen geprägte Osterfest sehr. Es ist bunt, es ist fröhlich und es findet im Frühling statt. Mich beruhigt in diesem Zusammenhang auch, daß dieser heidnisch wirkende Brauch in einer streng religiösen Zeit entstanden ist und ich somit kein schlechtes Gewissen haben muß, wenn ich während der Osterzeit den Gottesdienst nicht besuche, jedoch dem Lindt Goldhasen genüßlich die Ohren abbeiße, wobei: Ein etwas komisches Gefühl habe ich schon, mich so herzlos dem Schokoladenrammler hinzugeben. Aus diesem Grund fange ich immer erst an der Blume des Hasens an, um mich dann bis zu den Ohren vorzuarbeiten. Ich finde, das wirkt weniger brutal, schließlich sind Schokomümmelmänner auch nur Lebewesen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein fröhliches Osterfest mit bunten Eiern und vielen Schokoladenhasen, ohne jedoch ganz zu vergessen, wo das christliche Osterfest seinen Ursprung nahm.

Euer bigagsl

bigagsl 09.04.2009 11:14

...da mir diese kolumne selber besonders gut gefallen hat und heute mal wieder gründonnerstag ist, ein kleiner *push* für diese kolumne ;-)

frohe ostern! :bunny:

Xaver 09.04.2009 11:27

:mfaint:

Fahrspass 09.04.2009 11:37

Also ich finde so viel geballtes Wissen immer noch erschlagend, aber auf die Häschen freu ich mich auch ...

theBear 09.04.2009 17:35

puuuh, mächtig schwere kost !

(nicht die eier oder hasen, der text...) :lol:

zettie444 26.04.2011 11:28

Danke für diese informative und ergötzende Aufklärung !

Bisher nahm ich die Osterfeiertage immer zum Anlaß, mit dem Auto Ausflüge zu unternehmen.
Warum? Weil ich der Meinung war, es ist ja Carfreitag bzw. Carwoche, und da Car (eingedeutscht: Kar) ja aus dem Englischen kommt und Auto bedeutet, hiess das für mich: Mit dem Auto rumfahren.
Nun bin ich aber wieder etwas schlauer.

Auch den Bus- und Bett(t)ag nehme ich jedes Mal zum Anlaß, im Bett zu bleiben (an schönen Tagen fahre ich aber auch mal mit dem Bus).

Habe ich das wenigstens richtig gemacht ??

:devil01:Nix für ungut...

alx_photo 28.04.2011 14:08

Also ich hatte mal gehört, dass die Sache mit den Hasen und Eiern was mit Frühling und alten Fruchtbarkeitsfesten zu tun hat ... und das hat man dann vielleicht später aufgegriffen und mit dem christlichen Osterfest verheiratet.

bigagsl 28.04.2011 16:02

ja unfassbar... so was habe ich bereits 2007 geschrieben? :lol: da konnte ich das alphabet doch gerade erst bis "N" :devil01:

starlight* 04.03.2012 08:11

:top: was man an einem Sonntag Morgen (vor dem Kirchgang :ironie: ) alles so beim Durchstöbern des Forums findet - super - freu! Danke bigagsl für diese ausführliche, informative und unterhaltsame Kolummne.
Daher noch ein kleiner *push*, da das Fest ja bald wieder vor der Tür steht und man im Smalltalk vorab schon den einen oder anderen Absatz zitieren kann, um seinen Gegenüber mit solch einem Wissenschatz zu verblüffen. :zwink:

Die Sonne scheint:blume:, der Frühling marschiert an, die Vöglein zwitschern und ich freue mich auf die :bunny: :bunny: :bunny:

zeke 04.03.2012 08:45

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Zitat:

Zitat von bigagsl (Beitrag 1194461)

[...]und ich somit kein schlechtes Gewissen haben muß, wenn ich während der Osterzeit den Gottesdienst nicht besuche, jedoch dem Lindt Goldhasen genüßlich die Ohren abbeiße, wobei: Ein etwas komisches Gefühl habe ich schon, mich so herzlos dem Schokoladenrammler hinzugeben. Aus diesem Grund fange ich immer erst an der Blume des Hasens an[...]

offenbar konnten 2 Schokohasen bigagsl in letzter Sekunde entkommen. Schwer gezeichnet zwar, aber am Leben :mrgreen:


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